Der Tod van Gogh's - Mord oder Selbstmord? 

»Van Gogh? - Das ist doch der, der sich das Ohr abgeschnitten hat und Selbstmord beging!?« 

Das glaubten bisher auch die Kunsthistoriker: Vincent van Gogh litt unter schweren psychischen Problemen und erschoss sich 1890 im Alter von 37 Jahren. Oder doch nicht?

Ein neues Buch über den niederländischen Maler stellt jetzt die Selbstmordthese infrage. Zehn Jahre haben die Autoren Steven Naifeh und Gregory White Smith an »Van Gogh: The Life« geforscht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass vermutlich eine oder mehrere andere Personen am Tod van Goghs beteiligt gewesen waren.

Sollten sie nun mit ihren Thesen über van Gogh recht behalten, hätte das große Auswirkungen auf die Deutung der Kunstgeschichte: Van Gogh müsste in ganz neuem Licht betrachtet werden. 

     

Selbstmord im Kornfeld ?

Unstrittig ist: Van Gogh zieht am 21. Mai 1890, also gut 2 Monate vor seinem Tod, nach Auvers-sur-Oise, 30 km nördlich von Paris. Im Wirtshaus »Auberge Ravoux« bezieht er ein Zimmer.

Van Gogh gerät in einen wahren Schaffens-rausch: 

Innerhalb von 68 Tagen entstehen zwischen den Kornfeldern und den kleinen Dorfgassen mehr als 80 Bilder und 60 Zeichnungen – bis zum 27. Juli 1890.

Es ist Sonntag. Am Morgen des 27. Juli 1890 verließ van Gogh mit seiner Staffelei und seinen Malutensilien die »Auberge Ravoux«.

Stunden später kehrte er ohne seine Staffelei zurück, schwer verwundet, am Ende seiner Kräfte - mit einer Schussverletzung im Bauch.

Er schleppt sich in sein Zimmer wo er 29 Stunden später, am Dienstag dem 29. Juli 1890, starb.

Angeblich soll er kurz vor seinem Tod den ihn befragenden Polizisten auf die Frage, ob er sich selbst umgebracht habe, geantwortet haben: »Ich glaube schon!«

Bisher galt es als sicher, dass van Gogh sich in einem Kornfeld selbst angeschossen hat. Aber viele Details sprechen eine andere Sprache, werfen Fragen auf:

  • Wer würde bei einem geplanten Selbst-mord eine Staffelei mitnehmen?
  • Außerdem habe der Maler wenige Tage vor seinem Tod noch Farben bestellt, was gegen einen geplanten Suizid spreche. 
  • Wer würde sich in den Bauch schießen, um sich umzubringen?
  • Warum hat van Gogh nicht versucht, mit einem zweiten Schuss seine Qualen zu beenden, anstatt sich zurück in die »Auberge Ravoux« zu schleppen und 29 Stunden lang Höllenqualen zu erleiden?
  • Van Gogh´s Staffelei und seine Malutensilien wurden etwa eineinhalb Kilometer vom Dorf entfernt an einem Kornfeld gefunden. Ist der Weg vom Feld zurück ins Dorf für einen schwer verletzten Mann überhaupt zu schaffen?
  • Die Pistole, mit der van Gogh sich angeblich selbst tötete, wurde nie gefunden. Wo ist sie? 

Auch die Aussagen der Ärzte van Goghs, der Einschusswinkel sei für einen Selbstmord ungewöhnlich und der Schuss sei »aus einer gewissen Distanz abgefeuert worden«, machten die Autoren skeptisch.

Der weltweit führende Handfeuerwaffen-Forensiker und Gerichtsmediziner Dr. Vincent Di Maio kommt zu dem Schluß: »Aus forensischer Sicht ist es unwahrscheinlich, dass sich van Gogh die tödliche Schußverletzung selbst zugefügt hat. Dafür spreche auch die Tatsache, dass an van Gogh's Händen lt. Obduktionsbericht keine Pulver- oder Schmauchspuren nachgewiesen werden konnten.«

Das wäre besonders verwunderlich, da Waffen zu diesem Zeitpunkt noch mit Schwarzpulver geladen worden wären. »Wunden, die aus nächster Nähe mit Schwarzpulver zugefügt wurden, sind extrem schmutzig«, stellt Di Maio in der »Vanity Fair« fest.

Außerdem hält es der Forensiker anhand des Schusskanals für unwahrscheinlich, dass sich van Gogh als Linkshänder aus dem angenommenen Winkel selbst in den Bauch schießen konnte.

Zudem deute im Obduktionsbericht alles darauf hin, dass der Schuss aus dem Revolver mindestens aus einer Entfernung von einem halben Meter abgegeben wurde! 

                     

Ein paar Jugendliche und eine Pistole

In den Jahrzehnten nach van Goghs Tod kursierte in Auvers eine andere Geschichte, die aber im Laufe der Zeit in Vergessenheit geriet. Demnach wurde van Gogh von zwei Jungen angeschossen.

Einer der Beschuldigten, der damals 16-jährige René Secrétan, habe mit seiner Familie damals seine Ferien in Auvers verbracht. 

Schnell geriet der ohnehin als seltsam geltende van Gogh in den Fokus des Jungen. Zuerst machte er sich nur über den unter schweren Depressionen leidenden Künstler lustig. Secrétan schüttete unter anderem Salz in den Tee des Künstlers und setzte eine Schlange in seinen Malkasten.

Begeistert von ›Wild West Shows‹, träumte der Junge selbst davon, ein Cowboy zu sein und liebte es, sich entsprechend zu kleiden und zu verhalten. 

Zusätzlich habe Secrétan die von ihm entwendete kleinkalibrige Waffe des Gastwirts der »Auberge Ravoux« damals in seinem Besitz gehabt, welche häufig »fehlzündete«, schreibt die »Vanity Fair« weiter.

Van Gogh, der verzweifelt nach Gesellschaft suchte, habe dennoch Zeit mit den beiden Jungs verbracht.

Am 27. Juli hätten die Jugendlichen mit der entwendeten Pistole des Gastwirts auf van Gogh geschossen.

Ob es Absicht war oder ein Unfall, sei unklar.

Naifeh und Smith berufen sich unter anderem auf die Erzählungen einer Bewohnerin des Dorfes, deren Großvater zu van Goghs Zeiten gelebt hat und auf die Aussagen des 1994 verstorbenen Kunsthistorikers John Rewald, der 1930 in Auvers war und mit Zeitzeugen gesprochen hat.

Wie genau es zu dem Schuss auf van Gogh kam, ist unklar. 

Als der tödliche Schuss abgefeuert wurde, befand sich Van Gogh auf einer Straße, welche zu der Villa der Secrétans führte. Von dort aus schleppte sich van Gogh zu seinem Zimmer in der »Auberge Ravoux«. 

             

Qualvolle 29 Stunden dauerte es noch, bis der Künstler schließlich starb.

Secrétan habe 1956 außerdem ein Interview gegeben, welches in einem medizinischen Journal veröffentlicht worden sei. Secrétan erzählte dort von seiner Bekanntschaft mit van Gogh und dass er, sein Bruder und ihre Freunde den schrulligen Maler häufig geärgert hätten.

Auch die Existenz der Pistole gab Secrétan in dem Interview zu, allerdings sagte er auch, van Gogh habe sie ihm gestohlen und am 27. Juli hätten er und sein Bruder sich schon nicht mehr in Auvers aufgehalten.

Kaum sind Naifehs und Smiths Thesen veröffentlicht, werden diese in der Kunstwelt auch schon wieder auseinandergenommen. Und zwar von durchaus berufener Stelle:

Leon Jansen, der Kurator des ›Van Gogh Museums‹ in Amsterdam, reagierte skeptisch auf das Buch. »Es bleiben nach wie vor viele Fragen unbeantwortet«, kommentierte er das Buch. »Das Material, auf das die Autoren sich beriefen, sei in der Kunstwelt schon lange bekannt; die beiden deuteten es nur anders.«

Ein weiteres Indiz, das schon länger bekannt ist und dem die Autoren jetzt aber neues Gewicht verleihen, sind die überlieferten Aussagen van Goghs kurz vor seinem Tod. 

Auf die Frage der Polizei, ob er sich selbst habe töten wollen, sagte van Gogh: »Ich denke schon!«, was bisher als Beweis für seinen Selbstmord galt.

Doch dann fügte er noch einen Satz hinzu, dem bislang wenig Beachtung geschenkt wurde: »Beschuldigt niemand anderen.«     

Die Lebensmüdigkeit van Gogh's wird dadurch nicht widerlegt. »Er hat beschlossen, die Jungs zu beschützen und seinen Tod zu akzeptieren«, sagt Naifeh. »Die Kinder haben ihm einen Gefallen getan«, so sein Fazit.  


Quellen: dpa, Welt der Wunder, Spiegel online, Focus online