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Die Geschichte der Eisenhütten im Saarland

Völklinger Hütte um 1955

Die Eisen- und Stahlindustrie war im Saarland zusammen mit dem Bergbau der wichtigste Zweig der saarländischen Wirtschaft, vor allem bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts.  

An insgesamt acht Standorten befanden sich Produktionsstätten der Eisen- und Stahlindustrie, darunter 5 integrierte Hüttenwerke mit Roheisen- und Rohstahlproduktion, Gießereien und Walz-werken, eigenen Kokereien und verschiedenen Nebenanlagen.

Die restlichen 3 Produktionsstätten waren Warmwalzwerke ohne eigene Stahlerzeugung.  

Zur Zeit der Rückgliederung des Saarlandes in die BRD waren in der Eisen- und Stahlindustrie ca. 33.000 Personen beschäftigt. Die Produktivität der Hütten betrug fast ein Drittel des saarländischen Industrieproduktivität. Grundlage der Hüttenindustrie waren die vor Ort geförderte saarländische Steinkohle und die in Lothringen geförderte Minette (Eisenerz). 

Nach dem 2. Weltkrieg wurden fast alle saarländischen Hüttenwerke unter französische Sequester Verwaltung gestellt. Ausgenommen waren nur die Burbacher Hütte, weil sie zum luxemburgisch-belgisch-französischen ARBED-Konzern gehörte, und die Halberger Hütte, an der die lothringische Pont-à-Mousson Gruppe mehrheitlich beteiligt war. Die anderen Werke wurden erst 1951 bzw. 1955/56 an ihre ursprünglichen Betreiber/Eigentümer zurückgegeben. 

In den diversen Produktionsstätten wurden folgende Produkte gefertigt:  

Primäre Produkte: Blöcke, Halbzeug, Spezialprofile, Bandeisen, Eisenbahnschienen, Walzdraht, Werkzeugstahllegierungen, rostfreie und feuerfeste Stähle und Schmiedeprodukte.  

Sekundäre Produkte: Thomasmehl, Zement, Schlackensteine, Teer, Öle und Benzole, Ammoniak, Lacke und andere chemische Erzeugnisse.  

          

Entwicklung nach 1945    

In der Wiederaufbauphase nach dem 2. Weltkrieg kamen die Grundstoffe für die saarländische Schwerindustrie zollfrei aus dem französischen Wirtschaftsgebiet.  

Die lothringische »Minette« hatte einen Eisengehalt von nur ca. 30% und war reich an Phosphor (bis zu 1,7% Gewichtsanteil). Im Vergleich dazu war bei schwedischem Erz war der Eisengehalt doppelt -, der Phosphoranteil aber nur halb so hoch.

Das Roheisen, welches in den Hochöfen mittels des aus saarländischer Produktion stammenden Koks und div. Zuschlagstoffen aus der lothringischen Minette verschmolzen wurde, konnte in großem Maßstab nur in den »Thomas-Birnen« zu Stahl weiterverarbeitet werden. Die Konverter hatten Düsen im Boden, durch welche heiße Luft geblasen wurde und waren mit ebenfalls in der Region gewonnenem Dolomit ausgemauert. 

Thomas-Birne

»Thomasstahl« war relativ kostengünstig zu produzieren. Er hat aber gegenüber anderen Stahlsorten auch Nachteile. U.a. ist er schlechter schweißbar und neigt zum Verspröden. Für die während der Wiederaufbauphase im Saarland benötigten Beton- und Baustähle war er jedoch gut geeignet.  

Ein Nachteil für die Hütten des Saarlandes bestand darin, dass aus saarländischer Kohle alleine kein Hochofenkoks erzeugt werden konnte. Der saarländische Koks war zu bröselig. Bis Kriegsende wurde Kohle aus dem Ruhrgebiet in den Kokereien zugemischt. Ab 1945 wurde auf Magerkohle aus Nordfrankreich zurückgegriffen. Dieser  Anteil an Kohle aus Frankreich im Saar-Hüttenkoks betrug zwischen 20 und 25%.

Dieser Koks war aber trotzdem nicht gut zu transportieren und zu lagern, da er nicht besonders fest war. Seine brüchige Konsistenz begrenzte auch die mögliche Größe (Höhe) der Hochöfen. Es kann nur gut »stückiges« Material als »Möller« (Gemisch aus Erz, Koks und Zuschlagstoffen) bei der Roheisenerzeugung eingesetzt werden, weil sowohl die Verbrennungsluft als auch die entstehenden Gase den Hochofen nach oben durchströmen müssen.  

Zur Erzeugung von 1.000 t Roheisen mit der lothringischen Minette benötigte man an Grundstoffen ca. 3.000 t Erz und etwa 900 t Koks, welcher aus 1.250 t Kohle hergestellt wurde. 

Seit Mitte der 1960er Jahre ging die Thomasstahl-Produktion weltweit stark zurück, da sich wesentlich effizientere Konverterverfahren, bei welchen statt Luft reinen Sauerstoff mit einer Lanze auf die Schmelze aufbliesen, sich mehr und mehr durchsetzen.

            

Das Neunkircher Eisenwerk  

Der große Unterschied des Neunkircher Werkes zu anderen saarländischen Eisenwerken vor allem in der Tatsache, dass Pächter und Arbeiter zunächst gar nichts mit Neunkirchen zu tun hatten.  

Carl Friedrich Stumm, Gemälde von Louis Krevel aus dem Jahr 1836, im Hintergrund das Werk in Neunkirchen

In einer Lohnliste aus dem Jahr 1634 sind zum ersten Mal explizit Neunkircher Bürger, in diesem Fall Fuhrleute, erwähnt und erst in den folgenden Jahren arbeiteten im Neunkircher Eisenwerk Leute aus Neunkirchen und der Umgebung, so zum Beispiel aus Wiebelskirchen und Wellesweiler. 

Neunkirchen ist die älteste Eisenhütte im saarländischen Revier. Die erste urkundliche Erwähnung erfolgte im ausgehenden 16. Jahrhunderts.  

Zwei Ereignisse waren für das Werk sehr ein- schneidend: im Dreißigjährigen Krieg wurden sowohl Neunkirchen, als auch das Neunkircher Eisenwerk vollständig zerstört. Es folgte ein  jahrzehntelanger Neuaufbau mit einem kleinen Kuriosum: die Hütte stand früher als das Dorf.  

Das zweite einschneidende Ereignis für das Neunkircher Eisenwerk war die Übernahme des Werkes durch die Gebrüder Stumm im Jahre 1806, welche das Werk und den Ort in vier Generationen zu ungeahnter Blüte brachten.  

Erst Ende des 19. Jahrhunderts, als die Neunkircher Hütte durch die industrielle Revolution schließlich zu einem Großbetrieb der Schwerindustrie wurde, wuchsen das Bauerndorf Neunkirchen und das Eisenwerk zu einer Einheit zusammen.  

1926 übernahm Otto Wolff aus Köln große Aktienanteile am Neunkircher Eisenwerk. 

Im Zweiten Weltkrieg, besonders im März 1945, litt das Werk stark unter alliierten Luftangriffen. Nach dem Krieg übernahmen die Franzosen die Sequester Verwaltung, einer der leitenden Direktoren wurde Dr. Kurt Schluppkotten.  

ehem. Hüttenareal Neunkirchen, Foto: pahu

Der Wiederaufbau verlief zunächst schleppend. Erst im Jahr 1950 im wurde im Beisein von Johannes Hoffmann und Hochkommissar Gilbert Grandval der erste Hochofen wieder angeblasen. Am 13. Oktober 1955 wurde die französische Sequester Verwaltung aufgehoben.  

Die einstigen Besitzer, die Fa. Otto Wolff und die Erben der Familie Stumm, wurden wieder alleinige Inhaber, Dr. Schluppkotten blieb Direktor. Er verwaltete das Werk mit »eiserner Hand«.  


Die Dillinger Hütte 

Die Dillinger Hütte ist die zweitälteste saarländische Eisenhütte und wurde bereits im Jahr 1685 im Auftrag des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. vor den Toren der damaligen Festungsstadt Saarlouis gegründet.

1806 wurde der Betrieb um das erste europäische Blechwalzwerk erweitert. 1809 wurde die Dillinger Hütte zur ersten deutschen Aktiengesellschaft. Bis zu den Freiheitskriegen gegen Napoleon war die Dillinger Hütte zeitweise ein bedeutender Blechlieferant der französischen Armee.  

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Werk durch ca. 200 000 Granaten zu etwa 2/3 zerstört. Die Zeit nach dem Krieg war geprägt durch Aufräumarbeiten. Es dauerte bis in die 1950er Jahren, ehe die Produktion wieder anlief. Die französische Sequester Verwaltung wurde bereits im Jahr 1951 nach sechs Jahren aufgehoben. 

       

Das Stahlwerk St. Ingbert (Alte Schmelz)  

Dieses Werk in St. Ingbert wurde im Jahr 1733 gegründet. Im Jahre 1905 vereinigte sich das Unternehmen mit dem luxemburgischen Hüttenwerk Rumelange zur »Rümelinger und St. Ingberter Hochofen und Stahlwerk AG«.  

Seit 1920 gehört das St. Ingberter Werk der damals neugegründeten Aktiengesellschaft »Hauts Fourneaux et Aciéries de Differdange St. Ingbert Rumelange« (H.A.D.I.R.) an. Zu dieser Zeit spezialisierte sich das Unternehmen auf die Produktion von Drahtprodukten, Nägel, Bandeisen und Baustahl. 

1955 machte das Werk durch einen Streik der Belegschaft im Lohnkonflikt auf sich aufmerksam. Am Standort St. Ingbert betrieb das Unternehmen ein Walzwerk und ein Drahtwerk. 

Das Drahtwerk St. Ingbert hatte damals über 100 Mitarbeiter. 1967 fusionierte die »Alte Schmelz« in St. Ingbert mit ARBED, welche später zur Saarstahl AG gehörte. 

        

Die Halberger Hütte in Brebach  

Die Halberger Hütte wurde im Jahre 1756 von dem damaligen Fürsten von Nassau-Saarbrücken erbaut. Im Jahre 1809 wurde sie von den Gebrüdern Stumm übernommen. Auch hier wurde 1945, nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1951, das Werk unter Sequester Verwaltung gestellt.

Die Jahresproduktion des Werkes lag in den 1950er Jahren bei 200.000 Tonnen Roheisen.  

Das Hüttenwerk verfügte über sechs Hochöfen, eine Kokerei mit vier Batterien, sechs Gießereien, ein Zementwerk, ein Kalkwerk, eine Hochofensteinfabrik und sonstige Nebenbetriebe.  

Das Produktionsprogramm war hier hauptsächlich auf die Produktion von Röhren ausgerichtet. Durch die Errichtung einer modernen Sandschleuderanlage im Jahre 1955 wurde in Brebach mit der  Fabrikation eines Spezialgusseisens mit erhöhten Festigkeitseigenschaften begonnen.  

       

Die Burbacher Hütte  

Die Burbacher Hütte ist wie die Völklinger Hütte ein Betrieb der Neuzeit und wurde im Jahr 1856 als »Saarbrücker-Eisenhütten-Gesellschaft« gegründet. Der erste Hochofen wurde 1875 angefeuert und vorwiegend mit Erzen aus Luxemburg beschickt. Die Burbacher Hütte arbeitete als erstes saarländisches Eisenwerk mit eigener Koksbasis.   

Da in Burbach erhebliche Kriegsschäden zu verzeichnen waren, lief die Roheisen-Produktion nach dem Krieg erst ab Ende 1946 wieder an und konnte schon bald an die früheren Produktionszahlen anknüpfen. Zur Burbacher Hütte gehörte noch ein Nebenwerk in Hostenbach. 

      

Röchlinger Hütte, Völklingen    

Die Völklinger Hütte war nach Beschäftigtenzahl, Produktion  und Umsatz eines der bedeutendsten Unternehmen in den fünfziger Jahren.  

Karl Röchling

Die Völklinger Hütte wurde 1873 als »Völklinger Eisenhütte, Aktiengesellschaft für Eisenindustrie«, mit einem Kapital von 500.000 Talern gegründet. Im Jahre 1881 wurde sie an Karl Röchling verkauft. Unter Führung von Karl Röchling konnte die Völklinger Hütte in den folgenden Jahren vor allem auf Grund seiner Edelstähle zu einer weltbekannten Firma ausgebaut werden.  

Schon zu diesem Zeitpunkt galt die Völklinger Hütte als größter Eisenträgerhersteller Deutschlands. 1890 wurde das Thomasstahlwerk in Betrieb genommen, 1915 das Martinstahlwerk. 1898 übernahm Hermann Röchling die Hütte von seinem Vater und expandierte auch über das Saarland hinaus.

Am 20. April 1920 wurde dann die Stahlwerke Buderus-Röchling Aktiengesellschaft in Wetzlar gegründet, ein Gemeinschaftsunternehmen von Röchling in Völklingen und Buderus mit hälftiger Kapitalbeteiligung. 

Den Zweiten Weltkrieg überstand das Werk in Völklingen fast unbeschadet von alliierten Bombardierungen.  Zerstörungen durch die deutsche Wehrmacht blieben aus. So wurde in Völklingen bis ins späte Frühjahr 1945, also bis zum Eintreffen der amerikanischen Alliierten, produziert.  

1952 erreichte die Produktion ihren Höchststand. Ursache war der Bauboom und das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit. Mitte der fünfziger Jahre hatte die Völklinger Hütte wieder rund 13.000 Mitarbeiter beschäftigt. Die Hütte verfügte damals über sechs Hochöfen, fünf Thomaskonverter, drei Siemens-Martinöfen, ein Elektrostahlwerk mit Elektro-Lichtbogenöfen und einen Induktionsofen.  

Die Industriellenfamilie Röchling erhielt erst 1957 mit der Rückgliederung des Saarlandes an die Bundesrepublik Deutschland ihren Besitz zurück. 

Das Walzwerk verfügte über 14 Walz- und Kaltwalzstraßen. An Nebeneinrichtungen standen zwei Kokereien mit insgesamt sieben Batterien, ein Zementwerk, eine Schlackenmühle und ein Benzolwerk zur Verfügung. 

           

Der Niedergang der Eisenhütten im Saarland

Bereits in den 1960er Jahren begann für die saarländischen Hüttenindustrie der »Abstieg«. Notwendige Investitionen fielen durch Versäumnisse der Vergangenheit im Saarland höher aus als in eisenschaffenden Industrien in Lothringen, Luxemburg, Nordrhein-Westfalen und Belgien.     

Selbst wenn der Wandel früher eingesetzt hätte, hätte er nicht vermeiden können, dass die Stahlindustrie etwa zehn Jahre später, ab den 1970er Jahren, durch die beginnende Stahlkrise einer schmerzhaften Restrukturierung entgegen ging. Nur das Werk in Dillingen konnte sich als integriertes Hüttenwerk (bis heute) halten. 

UNESCO-Weltkulturerbe›Völklinger Hütte‹