Das Oppidum bei Kastel-Staadt

Das Oppidum von Kastel-Staadt lag auf einer Hochfläche zwischen Mosel und Saar (Saargau), welche hier fast 200 m zur Talaue abfällt. Die Hochfläche liegt am Nordausgang eines längeren Durchbruchstales durch die Westausläufer den Hunsrücks. Die Saar wird im Westen auf einer kurzern Strecke von Steilwänden des Buntsandsteins gesäumt.

Entsprechend tief einschneidende Nebentälchen schufen den eindrucksvollen Plateausporn von Kastel, der auf drei Seiten von klippenartigen Felsenwänden natürlich begrenzt ist. 

Ein mächtiger Wallzug von gut 200 m Länge mit vorgelagertem Graben riegelt eine natürlich Engstelle gegen die westlich anschließende Hochfläche und weist das etwa 30 ha große Plateau insgesamt als Befestigung aus.

Der Wall besitzt heute noch eine Höhe von mehr als 7 m auf seiner Außenflanke und auf der Gegenseite der noch gut nachvollziehbaren Grabenmulde. Hier hat sich seit dem Mittelalter der Kern des Dorfes mit dem entsprechenden Namen »Kastel« eingerichtet.

Der alte Zugang bzw. die Toranlage der Befestigung dürfte in dem mehrfach erweiterten Durchbruch gelegen haben, den heute noch die Straße benutzt. 

Bei einer Abgrabung konnte hier 1956 flüchtig ein Wallprofil aufgenommen werden.

Erwartungsgemäß war der Außenfrontbereich der im Wall vorauszusetzenden Mauerruine durch die jüngere Bebauung bis auf den Grund abgegraben worden. 

Der Wall bestand insgesamt aus nach außen rampenartig ansteigenden Schüttungen ohne Rückfront. Im unteren Bereich legen massive Steinanreicherungen nahe, dass der vorgelagerte Graben künstlich bis in den anstehenden Fels hinunter abgetieft wurde.

Von der umfangreichen Innenraumbesiedlung aus römischer Zeit sind keinerlei Relikte in den Aufschüttungsboden des Walles gelangt, der bisher auch keinerlei epochentypische Befestigungsmerkmale jener spät Zeit geliefert hat.

Die Befestigung muss also älter sein. Sie entspricht in ihrem bekannten Aufbau so sehr eisenzeitlichen Holz-Erde-Stein-Mauern, dass schon nach der Bauweise eine entsprechende Zeitstellung zu vermuten ist.

Profilaufbau und fehlende Rückfront legen in Anlehnung an das unweit westlich gelegene Oppidum vom Titelberg (Luxemburg) auch in Kastel die Bauweise eines murus gallicus nahe. Ob auch hier eine mehrphasige Erneuerung der Wehrmauer vorgenommen wurde, muss derzeit offen bleiben, erscheint aber sehr wohl möglich.

Seit der Frühzeit altertumskundlichen Interesses ist Kastel nicht nur als prominente römische Fundstelle bekannt, sondern hat auch eine beachtliche keltische Münzreihe geliefert.

Diese bezeichnende Fundgruppe zusammen mit Art und Umfang der Befestigung sprach seit Langem für die Existenz eines spätkeltischen Oppidums an dieser Stelle.

Ungeachtet reger Bautätigkeit und erschreckender Substanzverluste während der Nachkriegszeit fanden dort jedoch erstmals 1997 systematische Ausgrabungen statt. 

Die Untersuchung von zwei Baugrundstücken fast genau im Zentrum der Befestigung kann zwar nur als Stichprobe betrachtet werden, hat aber mit einer mehrphasigen dichten Holzbebauung spätlatènezeitlich-früheströmischer Zeitstellung die Ansprache als Oppidum bestens bestätigt.

Relativ zahlreiche Scherben republikanischer Amphoren geben nicht nur chronologische Hinweise, sondern werfen auch ein Licht auf den hier gepflegten Lebensstil. 

Nach einer erheblichen Konzentration von Eisenschlacken muss der untersuchte Bereich als Wohn- und Handwerksareal gelten.

Ob sich davon, analog zu anderen Oppida, Bereiche absetzen lassen werden, die öffentlichen und religiösen Funktionen gewidmet waren wie bei den Ausgrabungen bei Pommern und Wallendorf, muss die Zukunft zeigen.

Mit dem Torzugang war die Erschließungsachse des keltischen Oppidums wie der nachfolgenden Besiedlung bis heute vorgegeben und etwa identisch mit dem Scheitel des Plateaurückens und dem Verlauf der Dorfstraße. 

Nach den Ausgrabungen und älteren Beobachtungen kann sowohl in keltischer wie in römischer Zeit die Hauptbesiedlungskonzentration in einem Wegeraster entlang der Torachse und im Zentrum angenommen werden. 

Wegen der einseitigen Verkehrsanbindung gehört vermutlich auch der wallnahe, ebene Innenraum zum zentralen Siedlungsbereich.

Aufgrund bisher noch spärlicher Hinweise bestand das Oppidum wohl schon im Zeitraum um 100 v.Chr..

Nach kleinräumigen, älteren Spuren, war das Gelände zuvor zwar nicht unbedingt unbesiedelt. Wie bei vielen, wenn nicht den meisten Oppida, ist die Anlage der großräumigen Befestigung am Standort aber ein Neubeginn.

Für eine ältere Nutzung nach Art der deutlich kleineren Burgen wie Bundenbach oder selbst Otzenhausen bietet gerade das Plateau von Kastel erkennbar keine geeigneten Bedingungen. Es ist sinnvoll, sich vor Augen zu halten, dass jeden älteren Burgen zur Gründungszeit der Oppida noch existierten und vielleicht gerade erst durch das Aufkommen der neuen, großflächigen und großräumiger organisierten Zentren ihre Daseinsberechtigung einbüßten.

Im Gebiet des von Caesar erstmals erwähnten bedeutenden Gallierstammes der Treverer ist Kastel eines von vier Oppida neben Pommern, Wallendorf, und »Titelberg« (Luxemburg). Die Besiedlung lebt grundsätzlich bis in römische Zeit hinein fort, jedenfalls deutlich bis in das 1.Jh.n.Chr. Ein Bedeutungsverlust in römischer Zeit deutet sich aber an.

Die römische Steinbebauung, die noch im frühen 19.Jhdt. ein großes Ruinenfeld bildete, geht nämlich im Wesentlichen wohl erst auf das 3.-4. Jhdt. n.Chr. zurück, als hier offensichtlich ein Kleinzentrum (vicus) existierte.

Obwohl die treverischen Oppida mit der Neuorganisation Galliens unter Augustus und der Gründung von Trier (17 v.Chr.) ihre Funktion als überregionale Zentralorte verloren, bewahrten nach bisherigem Kenntnisstand alle als vici oder Heiligtümer eine gewisse Mittelpunktfunktion.

Diese Kontinuität mit abgestufter Bedeutung, die wesentlich zum Prozess der Romanisierung gehört, trifft wohl auch auf Kastel zu, nach den jüngsten Ausgrabungen wohl aber nur in Teilbereichen.

Spekulationen, wonach sich der zunächst reduzierte Fortbestand der keltischen Stadt in römischer Zeit eher an die Tradition eines Heiligtums als an aktuelle Lagegunst knüpfte, finden ihren Grund in der vergleichenden Beurteilung der Verkehrssituation: Dominierender Gesichtspunkt für die keltische Gründung war unzweifelhaft die Befestigungstopographie.

Die Distanzen zu den nächsten Oppida Metz (56 km), Titelberg (51 km) und Wallendorf (39 km) sicherten zwar ein ausreichendes Einzugsgebiet, doch mussten sich wirtschaftliche Gesichtspunkte zweifellos der Topographie unterordnen.

War die Saar auch sicher schon in der Antike ein Wasserweg, so lässt sich doch Kastel beim besten Willen nicht als idealer Umschlagplatz ansehen. Noch heute führt nur ein einziger Fußsteig aus der Befestigung über die Steilhänge 200 m tief zu Tal. Das rückwärtige Plateau wird schon westlich der Saar auch von der Mosel erschlossen.

Seit augusteischer Zeit, spätestens 17 v.Chr., passiert ein Strang der gallischen Hauptachse Lyon – Metz – Trier – Köln den heutigen Ort Kastel westlich in 6 km Abstand. Der Rücken, auf dem diese Römerstraße verläuft, wird allerdings von Kastel durch das tief einschneidende Tal der Leuk getrennt, die in Sichtweite 4 km weiter nördlich bei Saarburg in die Saar mündet.

Nachdem die Linienführung der römischen Reichsstraßen unter großräumigen Gesichtspunkten, ohne Rücksicht auf die älteren Zentren, festgelegt war, geriet Kastel verkehrsmäßig und damit wirtschaftlich ins Abseits. 

Die Schutzlage der Gründungszeit war unter den politisch-militärischen Bedingungen des römischen Imperiums überflüssig geworden und verkehrte sich in einen Standortnachteil.                                  

Naturgeschichte, Archäologie und Geschichte des nicht nur durch seine landschaftlichen Reize bemerkenswerten Plateaus sind durch einen Rundweg mit zehn ausgeschilderten Stationen erschlossen. Ausgangspunkt ist der Parkplatz hinter dem Dorf. 


Quellen: kelten-info-bank.de, wikipedia.org