Sagen um Perl

Das Hexenkreuz  

Auf dem Grenzpunkt, an dem vor mehreren hundert Jahren dreier Herren Länder – Deutschland, Frankreich und Luxemburg – zusammenstießen, stand ein Haus, das von einer Hexe bewohnt wurde. Die Leute kamen zu ihr, um bei ihr Rat zu holen und das Glück zu suchen.   

Dann streute die Hexe dem schwarzen Hahn siebenerlei Futter, würdigte die Anwesenden keines Blickes, gab den Fragenden keine Antwort.  

War der Hahn mit Scharren und Picken fertig, so prüfte sie die am Boden liegenden Fruchtreste. Dann schritt sie auf eine Stelle zu, wo niemand stand, als suche sie einen Dritten, spie dort aus, scharte kreuzweise mit den stets bloßen Füßen, ging dann schweigend an ihren Herd und fauchte mit vollen Backen in die Glut, warf in das aufglühende Feuer etwas hinein und murmelte Geheimnisvolles dazu.   

Der Harrende erhielt darauf eine dunkle Antwort.   

Den Knechten und Mägden, die nachts heimlich zu ihr kamen, gab sie einen bösen Rat oder böses Kraut. Daher fluchten die Hofbauern über sie wegen der kranken Mägde und faulen Knechte.   

Bald fanden sich am französischen Stubenfenster dunkle Gestalten ein, mit denen sie hinter verschlossener Tür redete; andere sah man noch vor dem ersten Hahnenschrei aus dem deutschen Kammerfenster steigen und auch im Wald verschwinden.   

Nicht alle, die ihr über die Schwelle des Hauses traten, haben es wieder verlassen. Den Leuten, die den Verschwundenen suchten, gab sie zur Antwort: »Den haben die Bockreiter geholt.«   

Auch die Sucher wurden oft nicht wieder gesehen.   

Ein junger Bauer, dessen Vater dieses Haus zwar betreten, aber nicht wieder verlassen hatte, fasste den Entschluss, die Hexe zu beseitigen.   

Nachts suchte er sie auf; er traf sie alleine an, sie saß auf ihrem dreibeinigen Thron vor dem Herde. Sie hantierte in ihrem Schoße; beim Scheine der Herdflamme sah es aus, als ob sie Sand oder Samenkörner durch ihre Finger rieseln ließe. Sie lud ihn zum Sitzen ein, stellte einen Topf auf’s Feuer und tat manches mit in die Hafergrütze hinein.  

Sie wandte sich um, als ob sie ihn etwas fragen wollte, warf ihm unversehens eine Handvoll Staub in die Augen.   

Der junge Bauer kannte das, hurtig sprang er zur Seite, ergriff einen Stein und schlug ihn der Hinterlistigen ins Genick, dass sie wie tot zusammen sank.   

Er öffnete die geheime Falltür, die einen tief in den Fels gehauenen Brunnen verdeckte – in den die Hexe schon manchen hinein gestoßen hatte – und stieß sie hinab. Das Haus steckte er in Brand; niemand fand sich ein, es zu löschen.   

Lange bezeichneten die Trümmerreste - von Gras und Moos überwachsen - die Stelle, wo dieses Haus gestanden. Viele behaupteten, eine blaue Flamme in der Dämmerung aus den Trümmern emporzüngeln gesehen zu haben.   

Später räumte man die Trümmer beiseite und fand den Brunnen – und auf seinem Grunde Schädel und Knochen.   

Mit den Steintrümmern warf man den Brunnen zu und errichtete auf ihm ein Grabkreuz. Noch lange will man die blaue Flamme am Fuße des Kreuzes gesehen haben. ​  

Vor hundert Jahren noch konnte man an dieser Stätte ein verwittertes Kreuz sehen – heute ist auch es verschwunden.   


Quelle: (Lohmeyer, Karl - Die Sagen von der Saar, Blies, Nahe vom Hunsrück, Soon- und Hochwald. Saarbrücken 1935, S.141-142)